Mut und Unmut – Warum Jugendliche Grenzen suchen und darin ihr Leben finden

„Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft nie verstoßen hat und nie  verstößt und nie verstoßen will; der ist krank.
Und wer sich noch immer nicht krank fühlt in dieser Zeit, in der wir leben müssen;  der ist krank.
Wer sich seiner Schamteile schämt und sie nicht liebkost und die Scham derer, die er liebt, nicht liebkost; der ist krank.
Wer sich abschrecken lässt durch die, die ihn krank nennen und die ihn krank machen wollen; der ist krank.
Wer geachtet sein will, von denen, die er verachtet, wenn er den Mut dazu aufbringt; der ist krank.
Wer kein Mitleid hat mit denen, die er missachtet und bekämpfen muss, um gesund zu sein; der ist krank.
Wer sein Mitleid dazu gebraucht, die Kranken nicht zu bekämpfen, die um ihn herum andere krank machen; der muss  krank sein.
Wer sich zum Papst der Moral und zum Vorschriftenmacher der Liebe macht; der ist so krank wie der Papst.
Wer glaubt, dass er Frieden haben kann oder Freiheit oder Liebe oder Gerechtigkeit, ohne gegen seine eigene Krankheit und die seiner Feinde und Freunde und seiner Päpste und Ärzte zu kämpfen; der ist krank.
Wer weiß, dass er, weil er gesund ist, ein besserer Mensch ist als die Kranken um ihn herum; der ist krank.“

Erich Fried

Foto: unsplash.com Gonzalo Arnaiz

Entgegen einer all zu idealistischen Definition vom (angeblich) gesunden Leben – dem vollkommenen Wohlbefinden und dem Frei-Sein von allen Problemen – einer Definition, die uns in ihrem totalitären Anspruch erdrückt, provoziert Erich Fried mit seinem Gedicht zu einem Gesundheitsdenken, das vor 150 Jahren der Arzt und Jesuit Rössler folgendermaßen beschrieben hat:

„Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Problemen, sondern der Mut mit ihnen umzugehen.“

Diesen so lebensnahen Satz lohnt es sich auf der Zunge zergehen zu lassen: Nicht dann, wenn Jugendliche keine Probleme haben (oder machen), sind sie gesund, sondern wenn sie und wir den Mut haben, Probleme wahrzunehmen und uns ihnen zu stellen. Hier also geschieht Reifung, Entwicklung und Gesundung! Hätten wir ein Gesundheits- und Bildungssystem, das dieser Definition folgt, dann wären manche der als „behindert“, „problematisch“ oder „verhaltensoriginell“ bezeichneten jungen Menschen gesünder als viele derjenigen von uns, die sich mit sich selbst und ihrer Umwelt nicht mehr auseinandersetzen. Jugendliche würden so in ihrem Risikoverhalten als Suchende begriffen: die die Auseinandersetzung mit ihren Möglichkeiten und Grenzen suchen …

Auseinandersetzung als Grad eines souveränen Lebens: das haben die alten Griechen schon gemeint, als sie das Wort „Heilung“ aus dem Wortstamm „schöpferisch sein“ entnommen haben – das Wort „Krankheit“ jedoch aus dem Wortstamm „normal sein“.  Diese andere Haltung ist zu kommunizieren – denn noch immer (und immer wieder aufs Neue) wird „Normalität“ als moralische Drohkeule des Gesundheitsterrorismus missbraucht, oftmals mit nur einem Ziel: Menschen mit Hilfe unhinterfragter Tabus zu funktionalisieren und zu domestizieren.

Tabus schützen und engen ein, sie klären und verbergen, je nachdem, aus welche Position sie wahrgenommen und erlebt werden. Der Wert und Unwert von Tabus, ihre entwicklungsfördernde oder -hemmende Wirkung, kann also nur situativ wahrgenommen werden.  In der Betrachtung der Genese der westlichen Kultur – die ja stiller Auftraggeber für die Arbeit mit Jugendlichen ist – fällt diese vieldeutige Wirkungsmacht von Tabus auf: Der Satz, der die Neuzeit begründete, jener des René Descartes: „Ich denke, also bin ich“ – er hat ebenso Klärungen und Klarstellungen bewirkt wie auch neue Tabus definiert. Offensichtlich geht eben das Eine ohne das Andere nicht. Interessant ist aber, wenn man Descartes Gedankenweg folgt, der ihn zu dieser Definition menschlichen Daseins hat kommen lassen: Für ihn ist die Überraschung die Wurzel allen Übels. Sie mache Menschen Angst und sie damit unfrei. Aufgabe der Gesellschaft sei es also, Überraschungen zu verhindern und auszuschließen.

Foto: unsplashed.com Ashim D’Silva

Dieser risiko-feindlichen Haltung der westlichen Kultur ist es zu verdanken, dass allerlei pädagogische Fachkräf­te – führen sie ihren gesellschaftlichen Auftrag aus – Grenzwachebeamte sind, die die der bösen Überraschung verdächtigte „Ziel“gruppe lokalisieren und durch präventive Maßnahmen so­weit bannen soll, dass sie ihres Überraschungspotentials beraubt sind. Die Folge: eine Erziehung, die nicht Tabus diskutiert, sondern Tabus schafft – und damit eine gespaltene Lebenswelt von Jugendlichen, die auf sich allein gestellt sind, den Brückenschlag zwischen Reiz und Verbot zu schaffen.

Nach diesen Betrachtungen des gesell­schaftlichen und politischen Rahmens, in dem Jugendliche heute Risiko- und Grenzerfahrungen machen, wollen die nächsten Zeilen eine Deutung ver­suchen, warum junge Menschen (und nicht nur sie) Grenzerfahrungen aufsu­chen:

Die Grenze ist ein Raum besonderer Bewusstheit und Wahrnehmung.

Gren­zen sind (unsere wichtigste körperliche Grenze, die Haut, macht uns das im­mer wieder deutlich) sensible Zonen, in denen sich Intensität und Austausch ereignen. Die Erfahrung von Grenze ist immer auch die Erfahrung von Mitte. Wer also Grenzerfahrungen aufsucht, sucht nicht selten das Zentrum der ei­genen Persönlichkeit.

Jugendliche suchen Grenzen auch auf, weil sie von den Verboten der Bewahrungspädagogik attraktiv gemacht werden: Das Reaktanz-Phänomen ist besonders unter Jugendlichen ausge­prägt – und die Prävention weiß ein Lied davon zu singen: So haben auf die deutsche Kampagne „Keine Macht den Drogen“ Jugendliche umgehend im Internet mit einer Flut kreativer Reakti­onen geantwortet: „Keine Nacht ohne Drogen“ stand da zu lesen, oder „Meine Alte hat mich bedrogen“. Menschen reagieren auf Vorschriften mitunter eben mit überaus schöpferischem Trotzver­halten …

Foto: unsplashed.com Jake Ingle

Natürlich fällt es leichter, Grenzerfah­rungen aufzusuchen und dabei das da­mit verbundene Risiko auszublenden, wenn das Bewusstsein über mögliche Folgeschäden nicht vorhanden ist. Je unmittelbarer ein möglicher Schaden durch das eigene Verhalten provoziert werden kann, desto sensibler sind Men­schen in Risikosituationen. Oft ist es aber gerade so, dass der Nutzen aus einem Risikoverhalten direkt spürbar, der Schaden jedoch kaum bewusst ist.

Die Alternative eines risiko-abstinenten, also angeblich gesünderen Lebens, ist für Jugendliche keine, da Gesundheit für sie keinen Wert darstellt – das zeigen alle Wertuntersuchungen. Gesundheit wird erst in höherem Alter zum wert­vollen Gut. Aber auch dort gilt: Gesund­heit ist nie Wert an sich, sondern wird erst dann wertvoll, wenn sie für etwas eingesetzt werden kann. Gesundheit ist mit der Frage des persönlichen Le­benssinns also direkt verbunden! Wird das Alltagsleben als sinnlos empfunden, steigt die Bereitschaft, die Gesundheit aufs Spiel zu setzen, um kurzfristig sinn­lich das Leben zu spüren …

Schließlich können Grenzerfahrungen nur dann als solche wahrgenommen werden, wenn Menschen sich als Leib spüren und über eine gute Körperwahrnehmung verfügen. Wer sich selbst nicht spürt, spürt auch nicht, wann‘s zu­viel ist: so kommen viele Jugendliche in Grenzsituationen, ohne dies bewusst zu wollen oder anzusteuern. Von einer Vor­bereitung und Reflexion dieser Situationen, wie es der risflecting-Ansatz zu Rausch- und Risikopädagogik vorsieht, ist bei vielen jungen – und auch älteren – Menschen gar nicht die Rede.

Was bedeutet das hier beschriebene Panoptikum von Motivationen, Grenz-und Risikosituationen aufzusuchen, für die Begegnung mit Jugendlichen? Die Antwort führt uns zu zwei Binsenwahr­heiten, die wir wohl so lange werden wiederholen müssen, bis wir ihre Um­setzung wirklich realisieren:

Sie gelingt nur dann, wenn sie parti­zipativ angelegt ist.

Mehr als Tipps, Ratschläge und Informationen brau­chen Jugendliche einen Rahmen, in dem sie Selbstermächtigung und Selbstwahrnehmung trainieren können und Risikomanagement zu ihrem eige­nen Thema machen.

Jugendliche zur Lebenskompetenz zu begleiten, bedeutet nicht, außerge­wöhnliche Erfahrungen anzubieten, sondern sensibles Wahrnehmen und Umgehen mit Grenzen zu ermöglichen – insbesondere mit jener zwischen All­tag und Außeralltäglichem. Ziel soll es dabei sein, das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen – und umgekehrt – wahr­nehmen zu können.­

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