Willkommenskultur – Herausforderung und Bereicherung (nicht nur) für die Jugendarbeit.

Tausende Menschen haben in den vergangenen Monaten Flüchtlinge durch Spenden unterstützt, in Transit- und Notquartieren betreut oder sogar bei sich daheim aufgenommen. Sie haben ihren Alltag mit Menschen geteilt, die aus einer angeblich völlig fremden, nicht mit der unseren vereinbaren Kultur kommen.

Die Hilfsbereitschaft breiter Teile der Bevölkerung wurde von den Mainstream-Medien aufgegriffen, verstärkt und mit dem Label „Willkommenskultur“ versehen. Für einige Monate schufen die Bilder eine positive Dynamik. Tausenden war das tägliche Tun in den Flüchtlingsunterkünften, Bahnhöfen und Transitquartieren eine Möglichkeit, es nicht bei der Betroffenheit über Tausende Ertrunkene im Mittelmeer, die 71 erstickten Menschen an der Ostautobahn zu belassen.

Diese Hilfsbereitschaft entspringt nicht nur aus der Bertoffenheit und dem schlechten Gewissen über die Bequemlichkeit unseres Lebens nach 70 Jahren in Frieden und relativer ökonomischer Stabilität, sondern auch aus einem Mangel an Sinn und Beziehungen in unserer individualisierten Wettbewerbsgesellschaft. HelferInnen berichten immer wieder über das beglückende Gefühl, helfen zu können und damit mit einem Lächeln, mit einer Begegnung, mit dem Erzählen einer (Flucht-)Geschichte belohnt zu werden.

Jetzt wird, so schnell wie im Sommer 2015 der Begriff „Willkommenskultur“ von den Medien geprägt oder zumindest verbreitet wurde, „das Ende der Willkommenskultur“ ausgerufen. Angst machende Bilder von „Fluten“, „Wellen“ und „Dämmen“, die dagegen errichtet werden müssten, werden bedenkenlos vervielfältigt.

Willkommen ohne (Ober-)Grenze

Jenseits der aktuellen Aufgeregtheiten, bietet sich in vielen Gemeinden ein anderes Bild. In den vergangenen Monaten hat dort ein Prozess der Konsolidierung eingesetzt. Die HelferInnen wenden sich nicht von den Menschen ab, die sie in den vergangenen Monaten kennen und schätzen gelernt haben.

Kontakt schafft Empathie, bekämpft Ängste.

Wie die Analyse der oberösterreichischen Gemeindewahlergebnisse zeigt, hat dort die FPÖ am wenigsten zugelegt, wo sich Initiativen aktiv um Flüchtlinge kümmern. Ausflüge, Feste, Filmabende, Frauencafés, Hilfe bei Behördenwegen, Informationen über Möglichkeiten am Arbeitsmarkt, Deutschkurse und -konversation werden organisiert, Probleme mit Hilfe von ehrenamtlichen SupervisorInnen und OrganisationsberaterInnen angegangen. Auf verschiedenen Ebenen vernetzen sich HelferInnen und Initiativen, nicht nur im virtuellen Raum über Facebook-Gruppen und Websites, sondern auch durch persönliche Treffen. NGOs, Berufsverbände, Universitäten und Länder bieten Schulungen und Fortbildungen für ehrenamtliche UnterstützerInnen an und Integrationskonzepte, die jahrelang in Schubladen verschwunden waren, werden aktualisiert und haben plötzlich gute Chancen auf Umsetzung.

Foto: shutterstock.com Maren Winter

Jetzt das „Ende der Willkommenskultur“ zu verkünden und die Selbstverständlichkeit, verfolgte Menschen aufzunehmen und ihr Recht auf staatlichen Schutz und menschenwürdige Versorgung in Frage zu stellen, machen unsere Gesellschaft verwundbar. Es gibt vor, eine Lösung zu haben, die es in Wirklichkeit nicht gibt: die Schotten dicht machen, Mauern und Zäune errichten. PolitikerInnen, die solche Lösungen anstreben, verraten nicht nur die grundlegenden Werte, auf denen unsere Demokratie und Menschenrechte beruhen, sie machen sich – weil das Scheitern voraussehbar ist (Menschen auf der Flucht lassen sich nicht auf Dauer aufhalten) – selbst unglaubwürdig und liefern uns jenen aus, die Demokratie und Menschenrechte jetzt schon zur Disposition stellen.

Wer sind die jugendlichen Flüchtlinge?

Flüchtlinge sind keine Aliens, sie sind auch keine homogene Masse. Sie wollen und können als Individuen wahrgenommen werden, mit besonderen Geschichten, besonderen Vorlieben und besonderen Bedürfnissen.

Im vergangenen Jahr waren 30 Prozent der Flüchtlinge Jugendliche. Zwei Drittel der jugendlichen Flüchtlinge kommen im Familienverband nach Österreich (vor allem aus Syrien und dem Irak), ein Drittel als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). Letztere sind zu einem großen Teil AfghanInnen direkt aus Afghanistan oder aus dem Iran, wo ihre Familien oft schon jahrzehntelang als Flüchtlinge leben. Dort werden die Bedingungen aber immer schwieriger, den Flüchtlingskindern wird Bildung und Integration verweigert.

Herausforderung und Bereicherung für die Jugendarbeit

Für die Jugendarbeit bedeuten die jungen Flüchtlinge möglicherweise eine Herausforderung, können aber gleichzeitig auch als Bereicherung erlebt werden. Wenn nämlich einheimische Jugendliche ihnen beim Ankommen in Österreich helfen und sie sich bewusst werden, dass auch sie – die gerade wegen ihrer Jugend oder sozialen Herkunft – etwas beitragen können. Die einheimischen Jugendlichen können Erfahrungen und ihr Wissen weitergeben und junge Flüchtlinge als LotsInnen individuell unterstützen.

Spannungsfeld Herkunfts-und Fluchtland

Wichtig ist, sich bewusst zu machen, wie die Lebensrealität der Flüchtlinge in Österreich ausschaut. Gerade Jugendliche leben oft in einem Spannungsverhältnis zwischen den Anforderungen der Familie – egal ob sie auch in Österreich oder im Herkunftsland geblieben ist – und den eigenen Wünschen, den Möglichkeiten, die ein reiches Land wie Österreich (scheinbar) bietet.

Die Mission der UMF ist klar: Sie sollen lernen, arbeiten und die Familie unterstützen.

Meist sind die Jugendlichen mit größeren Problemen (unsicherer Aufenthaltsstatus, lange Asylverfahren, Probleme bei Spracherwerb und Ausbildung) konfrontiert, als sie erwartet haben. Trotzdem müssen sie ihrer Familie gegenüber vermitteln, dass alles nach Plan läuft. Einsamkeit, Erfahrungen von Ausgrenzung oder Gewalt werden bei den Telefonaten mit den Eltern verschwiegen, die eigene Situation besser dargestellt, als sie wirklich ist.

 

Foto: shutterstock.com, Robert Kneschke

Wichtig für alle Institutionen ist eine „interkulturelle Öffnung“, also die Mitarbeit von BetreuerInnen mit Sprachkompetenzen und Wissen über die Herkunftskontexte der Jugendlichen. In unserem Patenschaftsprojekt connecting people machen wir immer wieder die Erfahrung, dass für jugendliche Flüchtlinge beides wichtig ist: der Rückhalt in der eigenen Community und der Kontakt zur österreichischen Gesellschaft.

Sie wollen sich orientieren, möglichst alles richtig machen, aber auch akzeptiert werden und erwarten, dass ihnen mit Respekt begegnet wird.

Sie sind Kinder, die ihre Kindheit oft nicht ausleben konnten und haben Erfahrungen gemacht, die die meisten einheimischen Jugendlichen (hoffentlich) nie machen müssen. Diese Erfahrungen zu teilen fällt nicht immer leicht, aber kann ein Weg sein, den einheimischen Jugendlichen Vorurteile zu nehmen.

Einander kennenlernen

Die asylkoordination österreich macht seit Jahren Workshops an Schulen, meist fungieren Jugendliche mit Fluchterfahrung als Co-TrainerInnen. Wir erleben immer wieder, dass die Leistung gegen alle Widerstände und Gefahren, es bis nach Österreich geschafft zu haben, von den SchülerInnen bedingungslos anerkannt wird. Wenn die jungen Flüchtlinge erzählen, wie sie bei Nacht in einem Schlauchboot Richtung Europa unterwegs waren, wie sie sich vor GrenzbeamtInnen unter Lastwägen verstecken mussten oder wie ihnen ihre Familie abgeht, dann könnte man meist die sprichwörtliche Nadel fallen hören, so aufmerksam hören die SchülerInnen zu. Im direkten Kontakt nach dem Workshop stellt sich dann schnell heraus, dass es trotz der unterschiedlichen Biografien viele Gemeinsamkeiten gibt. Fotoworkshops, miteinander Kochen oder Drachen bauen und natürlich Sport sind Aktivitäten, bei denen beide Seiten ihre Leistung, ihre Expertise einbringen können.

Es kommt letztendlich nicht darauf an, ob Begriffe wie „Willkommenskultur“ oder „Integration“ genau das beschreiben, was notwendig ist, um mit veränderten demografischen Verhältnissen pragmatisch und produktiv umzugehen. Wichtig ist es, diese Veränderungen anzuerkennen und bestehende Strukturen an diese neuen Anforderungen anzupassen.

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