Vielfalt – Im Spannungsfeld zwischen anerkennen und in Frage stellen

Die Diskurs-Redaktion hat sich mit Dr.in Beatrice Partel über die Komplexität des Begriffs „Vielfalt“ unterhalten. Sie ist Jugendkoordinatorin der Stadt Bregenz und Hochschuldozentin an den Universitäten Innsbruck und Graz im Bereich Erziehungswissenschaft und pädagogische Professionalisierung.

Was meint der Begriff „Vielfalt“?

Die Vielfalt hat – je nach Disziplin – sehr viele Gesichter, Namen und theoretische Verortungen. Es gibt sehr viele Begrifflichkeiten wie z. B. Heterogenität, Differenz, Diversity, Diversität, Pluralität etc. Oft wird derselbe Begriff für unterschiedliche Sichtweisen oder sogar Philosophien verwendet. Für unser Gespräch möchte ich nicht jeden einzelnen Begriff herleiten, sondern auf einer Metaebene sprechen. Je nach Fach gibt es verschiedene Bezugsquellen, Definitionen sind einem Wandel unterworfen und zudem von der herrschenden politischen Agenda oder dem Kontext abhängig.

Man schaut also unterschiedlich auf ähnliche Themen?

Die Perspektive auf den Begriff verändert sich. Ich setze gerne eine Brille auf, die Differenzlinien wie Herkunft, sexuelle Orientierung, Religion, Geschlecht usw. nicht hart zieht, sondern unklare Grenzen zulässt und mehrere Identifikationen gleichzeitig. Quasi „fluid and contextual“.

Was meint der Begriff „Vielfalt“?

Die Vielfalt hat – je nach Disziplin – sehr viele Gesichter, Namen und theoretische Verortungen. Es gibt sehr viele Begrifflichkeiten wie z. B. Heterogenität, Differenz, Diversity, Diversität, Pluralität etc. Oft wird derselbe Begriff für unterschiedliche Sichtweisen oder sogar Philosophien verwendet. Für unser Gespräch möchte ich nicht jeden einzelnen Begriff herleiten, sondern auf einer Metaebene sprechen. Je nach Fach gibt es verschiedene Bezugsquellen, Definitionen sind einem Wandel unterworfen und zudem von der herrschenden politischen Agenda oder dem Kontext abhängig.

Foto: shutterstock

Man schaut also unterschiedlich auf ähnliche Themen?

Die Perspektive auf den Begriff verändert sich. Ich setze gerne eine Brille auf, die Differenzlinien wie Herkunft, sexuelle Orientierung, Religion, Geschlecht usw. nicht hart zieht, sondern unklare Grenzen zulässt und mehrere Identifikationen gleichzeitig. Quasi „fluid and contextual“.

Contextual? Fluid? Was bedeutet das konkret?

Man kann sich das so vorstellen: Einen Sack voller Zuschreibungen. Da steckt drin der Streber, der Mann, die Frau, der Macho, der Zivi, die Technikerin, der Migrant etc. Man wird – je nach Kontext – mit einer oder mehreren Zuschreibungen gleichzeitig adressiert: In der Schule als Streber, in der Arbeit als Quotenfrau, in der Disco als Macho. Zum Teil sind mehrere dieser – ich nenn sie jetzt mal salopp Identitätslabels – gleichzeitig für uns selbst oder das Gegenüber relevant. Die Grenzen dieser Differenzlinien verschwimmen oftmals oder sind nicht eindeutig, was meiner Meinung auch sein darf.

Und was kann diese Vielfaltsbrille für die Jugendarbeit bedeuten?

Die Arbeit mit jungen Menschen ist gerade deswegen so wichtig und wertvoll, weil sie ihre Linien erst ziehen und gestalten. Wenn Jugendarbeit darin unterstützt, sich Bildungs- und Aneignungsmöglichkeiten in der Gesellschaft zu schaffen, dann könnte sie vielfältige Fragen stellen. Einmal an ihre Arbeit selbst: Wen adressiere ich mit welchen Angeboten wie, wen eventuell nicht? Und zum anderen auch Fragen an ihr Klientel stellen.

Jugendliche auch herausfordern: Einerseits in ihrer Heterogenität anerkennen, aber auch die ganz starre, statische Identifikation mit einem einzigen Label in Frage stellen, irritieren.

Einfach mal nachfragen: Wer bist du? Und was bist du noch? Bist du nicht auch das?

Zugehörigkeiten sind manchmal undurchschaubar, unklar – Eindeutigkeit nicht einzufordern, wo es sie von vorn herein nicht gibt und geben muss, eröffnet neue Spielräume und Möglichkeiten. Dann ist man beispielsweise nicht nur mehr Flüchtling, sondern auch E-Gitarristin, Großstadtkind und Heavy Metal Fan.

Geht es beim Thema „Vielfalt“ nicht auch um Diskriminierung?

Mit Vielfalt, Differenz, Heterogenität zu arbeiten heißt auch, auf Diskriminierungen und Zuschreibungen zu reagieren. Das macht die Offene Jugendarbeit beispielsweise ganz gezielt mit Themenveranstaltungen oder Weiterbildungen. Das heißt, wir stehen immer im Spannungsverhältnis zwischen einer Infragestellung, Irritation sozialer Identitätslabels und der Anerkennung bzw. Dramatisierung dieser, weil sie oftmals mit Machtverhältnissen besetzt sind und greifbare, reale Konsequenzen für die Träger und Trägerinnen dieser Labels haben. Zum Beispiel ist der fremd klingende Nachname hinderlich bei der Wohnungssuche, junge Frauen – in den Augen der Arbeitgeber potentielle Mütter – werden aus Risikogründen erst gar nicht eingestellt. Bildungserfolg, gesellschaftliche Teilhabe, Diskurse über Frauen, Migranten etc. schaffen einen Bedeutungs- und Bewegungsrahmen für die Jugendlichen, öffnen und schließen Türen.

Foto: Österreichische Jugendinfos, Christine Wurnig

Also Differenzen irritieren und anerkennen?

Genau. Das ist ein komplexes und paradoxes Verhältnis zur Vielfalt. Einerseits Vielfalt fast schon provozieren, indem ich die Verschiedenheiten thematisiere, aufzeige, dramatisiere und genau diese andererseits an anderer Stelle wieder relativiere. Warum? Weil oft die Relevanz dieser Kategorien auch überbewertet wird bzw. nur damit argumentiert wird. Und das ist nicht nur leicht, sondern erübrigt auch jegliche Diskussion. Spielt man sozusagen die „Differenz-Karte“, ist oftmals game over. Gegen narrative, gängige Argumentationslinien wie z. B. „Frauen und Technik“, lässt sich wenig dagegenhalten, weil sie gesellschaftlich salonfähig sind bzw. fehlt auch manchmal die Energie dazu. Wenn Sie in einem Hörsaal stehen und der Beamer nicht sofort anspringt, hört man immer wieder mal solche Kommentare. Dann einen Vortrag vom Zaun zu brechen, dass A unter den ersten Programmierern Frauen waren und B die leeren Batterien von der Fernbedienung nichts mit Frausein zu tun haben, würde eher auf Abwehr als auf Erkenntnis stoßen. Es fehlen oft schlüssige Argumentationen, wenn man genau hinschaut. Konflikte entstehen aus unterschiedlichen Gründen, werden aber mit einer einzigen Zuschreibung überschrieben, um die Situation zu erklären. Beamer geht nicht – das kann nur an der Frau liegen. Das vereinfacht es zwar, führt aber auch zu Stigmatisierungen. Darum, wenn nötig, Vielfalt oder Differenz dezidiert aufzeigen und an anderer Stelle wiederum als gültige Erklärung irritieren.

Und wie kann ich diesem Paradoxon begegnen?

Komplexität einzufordern ist Arbeit und sie auszuhalten auch. Ich glaube, wichtig ist, die Relevanz von diesen Identitätslabels zu prüfen, Differenz als eine zu reflektierende Bezugsgröße behandeln. Ist beispielsweise eine vermeintliche Herkunft das Alleinstellungsmerkmal, welches für die Situation aussagekräftig ist? Anderes Beispiel: Muss ich diese Gruppe von Menschen dezidiert als Mädchen kennzeichnen und ansprechen oder hat deren vermeintliches Geschlecht mit meinem Anliegen womöglich gar nichts zu tun?

Manchmal wird die Angst formuliert, dass Jugendliche dann gar keine Orientierungsmöglichkeit mehr hätten, wenn sie sich beispielsweise nicht mehr auf traditionelle Rollenbilder berufen können.

Identifikation per se würde ich nicht als negativ beschreiben. Vielleicht ist es aber auch möglich, sich mit mehreren Zuschreibungen oder Zugehörigkeiten gleichzeitig zu identifizieren und bei manchem sich nicht festlegen zu müssen. Dies birgt die Möglichkeit, unterschiedliche Lebensentwürfe zu erschließen.

In der Offenen Jugendarbeit könnte das heißen, dass gemeinsam mit den Jugendlichen soziale Verhältnisse hinterfragt werden, gesellschaftliche, soziale Räume analysiert werden: Wer hat Zutritt, wer nicht? Und sie bei der Aneignung dieser Räume unterstützt. „Einfach“ neugierig auf die Vielfältigkeit der Jugend sein, Fragen offen stellen und Unklarheiten zulassen.

Neben all den Herausforderungen, welche diese Vielfaltsbrille mit sich bringt, klingt das doch letztlich auch spannend, oder?

Literatur zum Thema:

Leiprecht, Rudolf (Hg.) (2011): Diversitätsbewusste Soziale Arbeit. Schwalbach am Taunus: Wochenschauverlag.
Hormel, Ulrike; Emmerich, Marcus (2013): Heterogenität – Diversity – Intersektionalität. Zur Logik sozialer Unterscheidungen in pädagogischen Semantiken der Differenz. 1. Aufl. Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwiss.

 

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