6 Fragen an den Sexualpädagogen …

Welche Inhalte soll Sexualpädagogik vermitteln und mit welchem Ziel?

Inhalte einer modernen Sexualpädagogik sind weit mehr als Basiswissen über Verhütung und Anatomie. Sexualpädagogik hat als Inhalte immer auch unterschiedliche Liebens- und Lebensformen, Vielfalt menschlicher Sexualität, rechtliche Grundlagen, Wissen über den weiblichen Zyklus und einen positiven lustvollen Zugang zu Sexualität. Das Ziel der Sexualpädagogik ist es immer die Selbstbestimmtheit der Kinder und Jugendlichen zu stärken. Moderne Sexualpädagogik ist damit eine Pädagogik der Freude und nicht des Verbots, sie distanziert sich von Angstmache und sieht Sexualität, Gefühle, Beziehungen, Menschen und ihre vielfältigen Bedürfnisse per se als etwas Positives. Immer orientiert an den Interessen der Kinder und Jugendlichen kann Sexualpädagogik damit alles zum Inhalt haben, was von der Gruppe oder Einzelperson erfragt wird. Ein unaufgeregtes Sprechen über Sexualität macht es möglich Fragen zu stellen und fundierte Antworten zu bekommen, die nicht wertend, nicht moralisierend und nicht tabuisierend sind. Ein Ziel ist damit auch immer altersgerechte und sachlich richtige Antworten auf alle gestellten Fragen zu geben.

Auf der einen Seite geben Jugendliche ein breites Wissen über Sexualität vor, auf der anderen Seite besteht eine große Verunsicherung u.a. durch online Medien. Wie sollen Erziehungsberechtigte und/ oder in der Jugendarbeit Tätige damit umgehen?

Wenn Erziehungsberechtige und in der Jugendarbeit Tätige Jugendliche hier gut unterstützen wollen, ist es in erster Linie wichtig, eben jene Unsicherheiten ernst zu nehmen und ihr Raum zu geben. Betreuungspersonen können Räume schaffen, in denen Jugendliche über Unsicherheit sprechen können. Dies gelingt jedoch nur dann, wenn für Jugendliche spürbar war, dass ihre Fragen und Themen nicht bewertet werden. Oft reicht ein Hinterfragen des vermeintlichen Wissens, um in eine gemeinsame Diskussion zu kommen. Die Sätze „Wo hast du das denn gehört?“ und „Glaubst du, dass das wirklich so ist?“ helfen hier oft schon Wunder – aber nur dann, wenn sie ein ernst gemeintes Interesse sind und nicht ein Versuch die Jugendlichen bloßzustellen. Und obwohl Jugendliche heutzutage möglicherweise durch Onlinepornografie und sexualisierte Darstellungen mehr Sex sehen, bedeutet dies nicht, dass ihr Wissen über Sexualität angestiegen ist oder dass dieses Wissen auf ihre jetzige Lebens- und Gefühlswelt übertragbar ist. In einer Zeit in der jede Information vermeintlich nur einen Mausklick weit weg ist, ist die Beziehungsarbeit wichtiger denn je geworden.

Welchen Handlungsbedarf sehen sie im Zusammenhang mit digitalen Medien und dem damit verbundenen Zugang zu Pornografie? 

Ich sehe wenig Handlungsbedarf in den digitalen Medien selbst (wobei die parents on pornhub Kampagne eine zumindest sehr lustige Idee ist) denn eine Notwendigkeit die Pseudoinformation der Pornografie mit tatsächlichen Wissen zu untermauern. Pornos sind niemals als Aufklärungsfilme gedacht, sondern bilden Fantasien ab. Die Idee verhindern zu können, dass Jugendliche Pornografie sehen ist illusorisch. Selbst wenn es mir gelingt Laptop und Smartphone perfekt abzusichern, bleibt immer noch das Handy der besten Freund*innen. Der Handlungsbedarf besteht darin, Jugendliche über das Aufzuklären, was Pornos tatsächlich zeigen: Eine mögliche Form von Sexualität, die durch das Medium stark reduziert ist und in beinahe jeder Hinsicht mehr mit einem Fantasyfilm zu tun hat als mit einer Dokumentation. Wenn Jugendliche das Gefühl haben zu wenige oder die falschen Informationen zu bekommen, werden sie dort hin gehen, wo sie ihrem Gefühl nach gute Antworten bekommen. Es liegt also an uns bessere Antworten zu liefern als die Pornografie.

Wann und von wem sollen Kinder/Jugendliche aufgeklärt werden? 

Aufklärung beginnt mit der Geburt eines Menschen. Schon für kleine Kinder ist es wichtig die richtigen anatomischen Begriffe zu lernen, dass es eben Penis und Vulva heißt und nicht „da unten“. Sprache schafft Realität und schon das korrekte Benennen von Geschlechtsteilen ist ein zentraler Faktor in der Prävention sexualisierter Gewalt und der Entwicklung eines positiven Körperbewusstseins. Auch wird so bereits Tabuisierung und übermäßiger Scham vorgebeugt. Penis und Vulva sind ganz normale Teile des Körpers, wie ein Arm oder eine Zehe. Die nächsten Schritte in der Aufklärung sollen den Interessen der Kinder und Jugendlichen folgen. Oft sind es Eltern, die die ersten Ansätze der Aufklärung übernehmen. Wenn diese sich Unterstützung wünschen, gibt es ausgezeichnete Bücher und Beratungsstellen die helfen! Wer Kinder und Jugendliche aufklärt, sollen die Betroffen selbst entscheiden. Manche wünschen sich Informationen von Eltern, manche von LehrerInnen, manche aus dem Internet. Aufklären sollten in jedem Fall die Personen, die es sich zutrauen über Sexualität zu sprechen, ohne zu werten und tabuisieren. Aufklärung ist ein lebenslanger Prozess, kein einmaliges Gespräch zum Beginn der Pubertät!

Was ist ihrer Meinung nach im Umgang mit homo-, bi-, inter- und transsexuellen Jugendlichen wichtig? 

Für  die Arbeiten mit diesen Jugendlichen ist dasselbe wichtig, wie für alle anderen Jugendlichen auch. Respekt, wertschätzender Umgang und eine offene, neugierige Haltung. Ich würde in dieser Hinsicht nicht zwischen heterosexuelle und queeren Jugendlichen unterscheiden. Sie alle sind in erster Linie einmal Jugendliche, die Fragen und Anliegen im Bereich der Sexualität und ein Recht auf gute, passende Antworten haben. In der Arbeit mit Gruppen ist es eben ein wertschätzender Umgang miteinander, der es möglich macht, dass unterschiedliche Lebens- und Liebensformen nebeneinander sein dürfen und man voneinander lernen kann. Alle Liebes- und Lebensformen stelle ich auf dieselbe Ebene und bilde das auch sprachlich immer wieder ab. Ich bringe also genau so viele Beispiel mit heterosexuellen Jugendliche, wie mit homo- oder bisexuellen. Wie für alle Jugendlichen braucht es auch hier eine niederschwellige Anlaufstelle und Ansprechperson, bei der persönliche Themen aller Art gut aufgehoben sind.

Was wünschen sie jungen Menschen in Hinsicht auf ihre Sexualität?

Das sollten wir die Jugendlichen selbst fragen! Es ist ein wunderbarer Teil der modernen Sexualpädagogik, dass sie an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientiert ist.  Am Anfang eines Workshops sammle ich Themenwünsche der Jugendlichen – diese aber sehen jedes Mal anders aus. Manche Gruppen wünschen sich viel Arbeit zum Thema Pornografie, andere gar nicht. Manchmal gibt es zahlreiche Fragen zu Schwangerschaft und Verhütung, andere Gruppen wollen über die verschiedensten Körperformen sprechen. Abgesehen vom Inhalt aber, glaube ich, dass Jugendliche sich eine für sie erfüllende und schöne Sexualität und gute, klare Antworten wünschen. Sie möchten Informationen, die zu ihrer Frage passen. Ein erster Schritt um diesen Wunsch zu erfüllen ist es die Frage richtig zu verstehen, erst im zweiten Schritt braucht es dann eine altersadäquate, verständliche Antwort. Wichtig hier: jede Frage wird beantwortet. Sonst erfüllen wir eben diesen Wunsch nicht und zwingen die Jugendlichen beinahe dazu sich Informationen aus anderen, zweifelhaften Quellen zu holen.

 

Dieses Interview und mehr zum Thema Sexualpädagogik findet sich im aktuellen DISKURS.