Die Rolle der Scham in der Beziehungsgestaltung

Liebe Leser*innen, was sind wesentlichen Aspekten rundum die Beziehungsgestaltung auf allen Ebenen? Etwa: Wie wir Beziehungen aufbauen, welche Rolle Scham und Traumata dabei spielen, wie Bindung die Beziehungsgestaltung beeinflusst, was eine verbindende Autorität und die Ankerfunktion beitragen können usw. – der diesjährige Kongress von PINA (Praxis und Innovation – Neue Autorität) widmet sich genau diesem Thema und zur Einstimmung finden sich hier alle zwei Wochen, interessante Beiträge von Referent’innen des Congress.

Seit ich begonnen habe, Scham zu erforschen, hat sich meine Arbeit mit Familien komplett verändert. Ursprünglich war der Schwerpunkt meiner Arbeit bei Kindern mit Verhaltensproblemen. Ich habe mich damals vor allem damit beschäftigt, was Aggression auslöst und wie sie reguliert werden kann. Stark im Mittelpunkt war für mich die Frage: Was passiert mit Eltern und Kindern emotional, wenn sie sich streiten? Und was passiert, wenn sie sich wieder versöhnt haben? Was geschieht auf emotionaler Ebene, wenn wir eine erfolgreiche Therapie durchführen?

Da ich vor allem mit den Ideen der Neuen Autorität arbeitete, fragte ich mich aber auch, wie sich Emotionen verändern, während wir beispielsweise ein Sit-in durchführen oder Unterstüzer:innen involvieren.

Und als ich entdeckte, dass die Regulierung von Scham mit den Antworten auf all diese Fragen zu tun hat, öffneten sich meine Augen und ich habe begonnen, Scham überall zu sehen.

Scham ist die Emotion, die mit unserem Wert zu tun hat. Wenn wir verlieren, versagen und uns nicht zugehörig fühlen, erleben wir das. Scham steht immer mit nicht erfüllten Erwartungen in Verbindung. Dies können sowohl unsere eigenen als auch die Erwartungen von anderen an uns sein. Oder das Gefühl, jemanden im Stich gelassen zu haben oder im Stich gelassen zu werden.

Nehmen wir zum Beispiel ein Kind, das zu einem Erwachsenen „Nein“ sagt. Der Erwachsene kann sich dadurch leicht beschämt und nicht respektiert fühlen und infolgedessen auf nicht hilfreiche Art und Weise reagieren. Tatsächlich sind Worte wie „Missachtung“ und „Respektlosigkeit“ ein deutliches Zeichen, das darauf hinweist, dass Scham eine bedeutende Rolle in der Beziehung spielt. Andere Hinweise können sein, wenn man sich verletzt, nicht ernst genommen oder ungeliebt fühlt.

Scham signalisiert uns, dass wir in einer unterlegenen Position sind. Personen, denen es schwer fällt, diese Emotion zu regulieren, reagieren entweder aggressiv oder versuchen, ihren Selbstwert dadurch zu schützen, dass sie jemand anderen anprangern. Gegenteilig kann es aber auch sein, dass die betroffene Person sich zurückzieht, anderen ausweicht oder sich versteckt.

Obwohl ich täglich in meiner Arbeit mit der Regulation beider Reaktionsformen beschäftigt bin, konzentrierte ich mich lange vor allem auf Menschen, deren Scham zu Gewalt führte. Mit der Zeit habe ich immer mehr begonnen, Vermeidungs- und Selbstisolations-Reaktionen zu behandeln.

In der Praxis merke ich, wie viele Kolleg:innen auch, dass Vermeidungsprobleme immer häufiger werden. Wir sehen jährlich mehr und mehr junge Menschen, die aufgeben, nicht mehr zur Schule gehen, den ganzen Tag Computerspiele spielen, soziale Aktivitäten meiden und scheinbar keine Idee mehr haben, was sie mit sich selbst anfangen können. Scham zu verstehen hilft, die betroffenen Menschen zu verstehen und zu wissen, mit welchen hilfreichen Interventionen wir sie dabei unterstützen können, in ihrem Leben voranzukommen.

Uri Weinblatt wird im Rahmen vom „PINA Kongress #4“ (7.-9. September 2022 in Feldkirch, www.pina-kongress.at) einen Vortrag sowie Workshops zu seiner Arbeit mit dem Titel „Die Rolle der Scham in der Beziehungsgestaltung“ halten.

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