In Beziehung kommen – wie geht das überhaupt?

Liebe Leser*innen, was sind wesentlichen Aspekten rundum die Beziehungsgestaltung auf allen Ebenen? Etwa: Wie wir Beziehungen aufbauen, welche Rolle Scham und Traumata dabei spielen, wie Bindung die Beziehungsgestaltung beeinflusst, was eine verbindende Autorität und die Ankerfunktion beitragen können usw. – der diesjährige Kongress von PINA (Praxis und Innovation – Neue Autorität) widmet sich genau diesem Thema und zur Einstimmung finden sich hier alle zwei Wochen, interessante Beiträge von Referent’innen des Congress. Dies ist nun der letzte Beitrag.

Ich arbeite als Kinderpsychiaterin im ambulanten Setting, d. h. die Patienten kommen bei der Türe herein, manchmal nur einmal in ihrem Leben, meistens mit Folgeterminen. Oft kommen sie nicht freiwillig, sondern weil die Eltern sagen, dass sie kommen müssen, weil die Kinder -und Jugendhilfe  oder die Betreuer einer Institution bestimmen. Da sind die ersten 10 Minuten oft entscheidend.

Das ist mir eingefallen, als Martin Fellacher mich fragte, ob ich zum Thema „in Beziehung“ reden möchte. Spontan antwortete ich: „Wie erst in Beziehung kommen? “ – und schon sind mir Szenarien, Begegnungen eingefallen, wo das gar nicht so leicht war, sowohl in der kinderpsychiatrischen Ambulanz in Eisenstadt als auch bei meinen Missionen im Flüchtlingslager auf Lesbos, wo ich in der Mental Health Clinic gearbeitet habe oder auch im Gaza-Streifen.

Ganz anders ist es im Heilpädagogischen Zentrum in Rust, einer stationären Einrichtung. Im Vergleich zum ambulanten Setting habe ich dort nämlich immerhin Zeit. Dort arbeiten wir heilpädagogisch, wenn ich es nicht gleich schaffe in Beziehung zu kommen kann ich es „wieder-gut-machen“, einen zweiten Anlauf nehmen. Außerdem habe ich dort ein Zimmer, welches ich ganz bewusst zum In-Beziehung-Kommen eingerichtet habe. Es war ein typisches Arztzimmer mit großem Tisch in der Mitte, Chefsessel, großer Bildschirm, der mich vom vis á vis an der anderen Seite des Tisches trennte, eine Untersuchungsliege, an der Wand die Perzentilenkurven zu Größe und Gewicht, im Glaskasten Medikamente und Untersuchungsgeräte. Wie soll man dort in Beziehung kommen?

Ich habe den Raum dann gleich einmal barrierefrei gemacht, d. h. den Schreibtisch an die Wand gestellt, bunte Polster auf die Untersuchungsliege gelegt, Fotos von meinen diversen Einsätzen an die Wand gehängt. Der Raum soll neugierig machen, Offenheit ausstrahlen aber auch von mir erzählen. Schnell fragen die Kinder: Was sind das für Kinder an der Wand, warum verkauft der Bub Datteln, warum zieht der Esel so viel Spinat auf seinem Anhänger? Die Bilder erzählen von den Kindern aus dem Gazastreifen, ihren Lehrerinnen die einmal das Gesicht verhüllt tragen, das andere Mal schallend lachen, ohne Burka.

Es gibt den Dr. Quaks mit Covidmaske, das ist ein grüner Frosch, eine Handpuppe, die ganz weit den Mund aufmachen kann für den Coronaabstrich. Dann gibt es die Katze, die vielleicht ein Affe ist, weil der Schwanz für eine Katze eigentlich viel zu lang ist, und das Wichtigste, ein Keramikgefäß voll mit Lollies, die bei einem Kind mit expansivem Verhalten oder Raptuszustand mehr Kontakt und Beziehung herstellen, als das Risperidon im Glasschrank.

Die Kinder in Rust haben meist schon von mir gehört, bevor ich sie kennenlerne. Trotzdem beginne ich meist mit dem Satz: „Schau dich um, ich bin neugierig, was du über mich wissen möchtest“. Es geht um Offenheit, Neugierde, Augenhöhe. Dann höre ich erst einmal lange zu, wobei „lange“ ein relativer Begriff ist, wenn ein Kind stumm die Schultern zuckt. Das Heilpädagogische Zentrum ist für uns ein Übergangsraum, ich nehme bei diesem Wort Anleihe bei Donald W. Winnicott, der neben Haim Omer und Peter Jakob einer meiner Lieblingslehrer ist.

Ich werde in meinem Vortrag den Begriff des Übergangsraumes ausführlich erklären, weil er in meiner gesamten Arbeit so wichtig ist, weil so Elementares darin probehandelnd passiert. In diesem Übergangsraum bin ich haltgebend, die „holding function“ der „good enough mother“ hat viel mit Haim Omers Präsenz und Ankerfunktion gemein. Das Containen und das gemeinsame Schaffen von neuen Narrativen bereits beim Erstkontakt, werden außerdem Thema meines Vortrages sein.

Diagnosen zu geben oder zu übernehmen, um sie dann gleich wieder zu vergessen, weil sie unser in-Beziehung-kommen einschränken, bedeutet manchmal einen ziemlichen Spagat für mich, der aber Alltag ist und notwendig. Wie der weiße Mantel meiner Zunft, der eben auch da ist, wenn auch hinter der Türe am Haken. Nach vielen Jahren klassisch psychiatrisch, mit psychoanalytisch orientierter Ausbildung in katathym-imaginativer Psychotherapie habe ich durch die Begegnung mit Haim Omer und mit der Neuen Autorität Mut gehabt, das hierarchische Denken, den F-Code zur Pathologisierung des ratsuchenden Menschen, zu verlassen.

Mit Verlassen meine ich zunächst, dass ich das klinische Setting hinter mir gelassen habe und zu einer Nomadin wurde. Das heißt für mein Arbeiten, dass ich deutlich mehr Raum in Anspruch nehme, geografisch gesehen, aber auch in Gesprächsräumen, offen für das Umfeld des Patienten, für Bündnispartner und Netzwerke. Aus therapeutischem Wissen wurde nun Prozesswissen, des miteinander auf dem Weg SEIENS, in Beziehung GEHENS. Dabei half mir Jan Olthofs Bild des nomadisierenden Therapeuten, in dem ich mich wiedererkennen konnte und die poetische Gesprächsführung, die wir beide bei unserem gemeinsamen Lehrer, Alfred Drees gelernt hatten.

Ich lernte in Bildern, Imaginationen, lyrischen Texten, Filmsequenzen und Musikstücken zu denken und diese den Ratsuchenden im Team oder in der Einzelarbeit zur Verfügung zu stellen. Die relationale Psychoanalyse, aus der ich Stephen A. Mitchell vorstellen werde, betont das Wechselspiel in der intensiven emotionalen Beziehung zwischen ratsuchenden Menschen und mir.

Auf meinem Weg lernte ich schließlich die Tools der systemischen Therapie kennen, die narrative Therapie und die Hypnotherapie. Vieles wende ich im Alltag an, als roter Faden blieb der Übergangsraum in Anlehnung an das Übergangsphänomen und das Übergangsobjekt, nämlich ein neutrales Territorium in dem es ein „sowohl – als auch“ geben muss, und der ratsuchende Mensch in seiner Ambiguität sein ihm eigenes „Etwas“ zu erschaffen lernt.

Kontakt herstellen bedeutet für mich, diesen Raum zu schaffen mit Spontanität, Neugierde, authentischem Umgang mit meinen Fähigkeiten und Schwächen unter gleichzeitiger Reflexion auf der Metaebene. Dazu gehört ein Schuss Humor und das Vertrauen in den gemeinsamen Prozess.

Michaela Fried wird im Rahmen vom „PINA Kongress #4“ (7.-9. September 2022 in Feldkirch, www.pina-kongress.at) einen Vortrag sowie Workshops zum Inhalt dieses Blogbeitrags anbieten.

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